Andacht Oktober 2022

Liebe Gemeinde,

gerne nehme ich Sie einmal mit auf einen Herbstspaziergang.

Es ist Dienstagmorgen, viertel vor sieben. Ich gehe mit meinem Hund am Höseler Haus vorbei und biege links ab Richtung Waldstück. Warum so früh, fragen Sie sich? Nun, ich habe einen Hund, der zwar klein und kurzbeinig ist, aber das Ego eines Dobermannes hat und meint er wäre der Hundekönig von Hösel – um unangenehme Begegnungen zu vermeiden gehen wir dann eher in der Morgendämmerung spazieren.

Es ist so schön still und friedlich im Wald, noch nicht ganz hell – die Tageszeit, zu der auch schon mal ein Reh auf dem Weg steht (und keine Angst, der Ego-Hund ist an der Leine)

Meine Mutter würde jetzt natürlich entsetzt aufschreien: „So früh schon allein im Wald, hast du denn keine Angst?“ Nein, ich habe keine Angst. Gerade zu dieser stillen und friedlichen Zeit fühle ich mich behütet und geborgen. Ich kann meine Gedanken schweifen lassen und lande häufig bei Gedanken über Gott und meinen Glauben. Bin ich zu naiv? Lauert nicht doch hinter dem nächsten Gebüsch ein Räuber? Aber diese Gedanken passen einfach nicht zu meiner positiven Grundhaltung. Der Spaziergang im dämmrigen Wald ist für mich nicht angsterfüllend sondern entspannend und ja, auch voller Glücksgefühle. Die Natur im Herbst ist für mich farben – und lebensfroh und ich freue mich auch heute noch wenn ich Kastanien, Eicheln und bunte Blätter sammeln kann.

Aber kehren wir doch zu meinem aktuellen Spaziergang zurück. Ich überblicke in Gedanken meine To-do-Liste für die nächste Zeit. Drei Gottesdienste, ein Schaukasten und eine Andacht-to go. Was soll ich da bloß für ein Thema wählen – „Halt“ denke ich, „warum nicht mal Gedanken zu einem Herbstspaziergang?“

Der Ego-Hund und ich nähern uns dem Sinkesbruch und biegen nach links ab. Zielstrebig zieht mich der Hund über die Straße Richtung Friedhof. Neuerdings geht er zu gerne dort spazieren – ich denke weil es dort so spannend nach Hase und Reh riecht und nicht etwa, weil er meint ich gehöre da schon hin…..

Auf dem Friedhof kommen mir die nächsten Gedanken. Welche Geschichte steckt hinter manchem vernachlässigtem Grab. Ist der verbliebene Familienangehörige schon zu alt und krank um sich zu kümmern? Sind die Nachkommen weit weg gezogen und wissen gar nichts mehr von dem Grab?

Ein kurzer Schlenker zum Grab meines Vaters, ein kontrollierender Blick ob die Blumen noch in Ordnung sind – und ein kurzes Zwiegespräch. Ob er wohl hört, wenn ich ihm von den neuesten Familiennachrichten berichte? Aber ohne ein Wort zu sagen kann ich auch nicht zum Grab gehen, das käme mir nicht richtig vor.

Vom Friedhof aus gehen wir in den Stieglitzweg hinein. Wie immer im September halte ich Ausschau nach der einen oder anderen Walnuss, die vom dem großen Baum dort auf die Straße gefallen sein könnte.

Meine Gedanken kehren zurück zu meiner Kindheit. Im Garten meiner Großeltern stand ebenfalls ein uralter Walnussbaum – und meine Aufgabe war es, jedes Jahr die Nüsse aufzusammeln, eine Woche lang mehrere Eimer täglich. Seit der Zeit habe ich eine Vorliebe für ganz frische Walnüsse. Wenn die Haut auf den Nüssen noch ganz hell ist und sich ganz leicht abziehen lässt – dann mag ich die Walnüsse am liebsten. Dass hatte aber leider zur Folge, dass ich zwei Wochen lang grün-braun gefärbte Finger hatte.

Leider wurde der Baum irgendwann gefällt und zu Brennholz verarbeitet. Meine Großeltern hatten einfach nicht mehr die Kraft, sich um Obst, Gemüse und Nüsse zu kümmern. Jetzt kommen mir doch ein paar herbstliche, sentimentale Gedanken. Wie schade, dass ich meine Großmutter nicht mehr nach ihrem Rezept für Pflaumenmus fragen kann. Ich weiß, es gibt unzählige Rezepte im Internet – aber das besondere Familiengeheimnis ist vergessen. Vielleicht lag es ja an den mitgekochten Würmern, dass unser Pflaumenmus so besonders geschmeckt hat, denn meine Großmutter hatte nie genug Zeit für all die Arbeit, die in einer Hotelküche anfielen. Da wurde schon mal der ein oder andere Wurm übersehen denn bei ihr musste immer alles schnell gehen.

Vom Stieglitzweg biege ich ab in den Finkenweg. Und hier wartet das letzte Highlight, der letzte Höhepunkt auf meinem Spaziergang. In einem der Vorgärten steht eine wunderschöne Gartenhortensie. Jetzt, Ende September, haben sich die riesigen Blütenstände rosa verfärbt. Ich freue mich jedes Mal über den Anblick und bin froh, dass ich in einer Zone lebe, in der es Jahreszeiten gibt. Immer nur Sommer und ewiges Grün – im Urlaub gerne, aber auf Dauer ist mir das zu langweilig.

Deshalb genieße ich den Herbstspaziergang so sehr.

Und dann sind wir doch zu Hause angekommen, der Hund bekommt ein Leckerli und ich ein Leckerli in Form einer Tasse Kaffee.

Dann schweifen meine Gedanken zum Seniorenkreis am Nachmittag. Welche Lieder sollte ich anstimmen? Auf jeden Fall „Wie pflügen und wir streuen“, die Nummer 508 aus dem Gesangbuch. Dieses Lied passt perfekt zum Herbst und dem kommenden Erntedankfest. Besonders beeindruckt mich dabei die ursprüngliche 1. Strophe, sie steht auch im Gesangbuch:

 „Am Anfang war’s auf Erden noch finster, wüst und leer;
und sollt was sein und werden, mußt es woanders her.
So ist es zugegangen im Anfang, als Gott sprach;
und wie es angefangen, so geht’s noch diesen Tag.

Wie bin ich froh, dass ich heute leben darf, in der Fülle und dem Überfluss der Natur, den es noch bei uns gibt. Ich hoffe Gott gibt uns genug Einsicht, Mut und Handlungswillen um einen Weg zu finden, vieles zu erhalten, damit es nicht wieder „finster, wüst und leer“ wird – und damit ich Ihnen noch von vielen weiteren Spaziergängen berichten kann.

Auch wenn wir im Moment in besonders schwierigen Zeiten leben, uns der Krieg in der Ukraine Angst macht und wir uns im Winter wohl einschränken müssen und die warme Strickjacke aus dem Schrank geholt wird wünsche ich Ihnen trotzdem eine bunte Herbstzeit mit vielen schönen Momenten.

Bleiben Sie behütet, Ihre Christiane Nasser